Warum Farben im Raum so viel bewirken
Haben Sie schon mal gemerkt, wie ein Raum plötzlich wärmer wirkt, nur weil der Teppich den richtigen Ton trifft?
Farben sind keine Nebensache. Sie prägen Stimmung, Geschmack und die gesamte Raumwirkung. Teppiche haben dabei eine Sonderrolle, denn ihre Fläche ist groß und ihr Einfluss entsprechend spürbar. Genau deshalb habe ich eine Farbpalette entwickelt, die bei allen Artacarpa-Qualitäten funktioniert. Nicht nur am Bildschirm, sondern vor allem auf echtem Material.
Die kleine große Hürde beim Teppichdruck
Beim Teppichdruck gibt es keinen verbindlichen Standard. Jede Maschine hat Charakter, jeder Hersteller eigene Abläufe, jedes Material seine Eigenheiten. Eine digital definierte Farbe ist noch lange keine Garantie für den Ton auf dem Teppich.
Ein frisches Orange kann auf dem Flor plötzlich zur rötlichen Nachbarfarbe wandern. Ich brauchte also eine interne stabile Referenz, die zuverlässig bleibt.
An den Produktionsprozessen wollte ich nichts verändern bzw. Sonderwünsche einbringen. Zusätzliche Eingriffe klingen verlockend und bringen manchmal schnelle Erfolge, schaffen aber langfristig neue Fehlerquellen, da gewohnte Abläufe für die Herstellung einzelner Teppiche stetig neu gedacht werden müsste.
Gerade bei automatisierter Datenverarbeitung wird es dadurch nur komplizierter und fehleranfälliger. Entsprechend sind alle internen Prozesse auf die jeweiligen Hersteller optimiert, was vor allem intern bei der Druckdatenerstellung, welche fast völlig automatisiert abläuft, eine große Herausforderung bedeutet hat.
Mein Weg zur stabilen Palette
Der Weg war geduldig und folgte klaren Routinen. Wiederholte Farbandrucke, kontrolliertes Licht, gezielte Anpassungen der digitalen Farbwerte und sorgfältige Dokumentation.
Der Prozess war ein Kreislauf. Andrucke, kontrollieren, Werte optimieren, wieder Andrucke, wieder kontrollieren, erneut optimieren usw. Hunderte kleine Farbfelder wanderten über meinen Boden.
Erst ein Muster in der Hand, am Bildschirm wirkt es, am Flor zeigt sichs.
Entscheidungen habe ich sofort in Excel übertragen, parallel in mein eigenes Tool eingepflegt und auf Postits vermerkt. Mehr als einmal lag ein Teppich vor mir, übersät mit gelben Zettelchen, Optimierungen, Vergleich mit den anderen Qualitäten usw.
Auf den ersten Blick wirkte es wie pures Chaos. In Wahrheit war es natürlich ein System. Bis meine Ungeduld ins Spiel kam: Ein Ärmel, ein Wisch und schon wanderten die gelben Zettelchen durcheinander. Praktisch gedacht, aber eben nicht nervensicher.
Auf jeden Fall half es mir nach und nach, Paletten zu justieren, zu vergleichen und gezielt zu verfeinern. Mein Ziel einer stabilen Basis kam ich immer näher und lieber einmal zu viel kontrollieren. Denn ein falscher Wert (und es sind 450 Werte) in der Grundlage kann später hunderte Designs betreffen, welche nachträglich manuell überarbeitet werden müssten.
Drei Qualitäten, drei Drucksysteme, ein Farbsystem
Damit die Palette überall funktioniert, habe ich sie auf drei Qualitäten ausbalanciert.
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Level 1, die Basis
Kurzflor, präzise und detailreich. Diese Qualität bildet feine Nuancen sehr sauber ab und diente mir als Farbreferenz. -
Level 2, nahe dran
Kuschelweicher Flor mit tiefer Farbe. Die Farbfamilien blieben zwar gleich, doch Rot und Gelb zeigten leichte Abweichungen. Warme Gelbtöne wurden durch die Faser tiefer und satter, manchmal auch matter. Digitale Korrekturen brachten die Werte wieder näher in Richtung Referenz. -
Level 3, die größte Herausforderung
Premiumqualität mit Premiumproblemen. Farbpenetration und Chromojet Druck sind ein eigensinniges Duo. Das Verfahren arbeitet gröber, Druckpunkte sind sichtbar, Farben mischen sich direkt auf dem Teppich.
Weniger Farbe bedeutet nicht heller, sondern weniger Auftrag. Farbstoffe fixieren unterschiedlich schnell. Die gelbe Grundfarbe kann schneller fixieren und schon kippt ein geplantes Grün in eine unruhige Mischung.
Die Florfaser reagiert je nach Hersteller und Charge anders, ganz zu schweigen von Farbschwankungen anhand von Temperaturschwankungen. Gleichbleibende Farbkonsistenz ist bereits produktionstechnisch eine Herausforderung, mit meinem Produktionspartner neben tolerierbaren Schwankungen aber gewährleistet. Entsprechend stabil muss hier die Palette aufgebaut sein, sodass sie mit den anderen 2 Paletten harmonisiert und mit den Designs funktioniert.
Um die Palette zu stabilisieren, habe ich bei Level 3 ~ 1000 angedruckte Farben immer wieder verglichen und dokumentiert. In vielen Bereichen, vor allem technischen Bereichen im Shop, ging ich kaum Kompromisse ein, bei Level 3 gehörten Kompromisse aber dazu, da es technisch nicht anders ging.
Besonders bei rotlastigen Farben. Diese Töne musste ich auf der Chromojet neu interpretieren, damit die Gesamtwirkung der Designs zur Referenz stimmig bleibt.
Die Gesamtwirkung passt, aber der Unterschied ist natürlich da. Im Shop selbst konnte ich das nicht darstellen, sonst bräuchte es vermutlich eine eigene Rubrik namens “Magenta, aber nur auf dieser Maschine und nur diesem Design”. Das wäre viel zu weit gegangen und hätte wohl niemand mehr verstanden. Dafür erkläre ich es bei entsprechender Bestellung, beim entsprechenden Design lieber direkt und ohne Umwege.
Digitale Helfer
Um die Farbpaletten überhaupt effizient aufbauen und langfristig stabil halten zu können, griff ich auf ein kleines Tool zurück, welches ich letztes Jahr entwickelte und hier beschrieb.
Darin konnte ich die 150 Farben immer wieder definieren, verändern, vergleichen, verfeinern und sauber dokumentieren. Das Tool nimmt RGB, HEX oder HSL-Werte an, berechnet automatisch Farb-Zwischenstufen und erlaubt es, Farben heller, dunkler oder gesättigter zu machen. Das Tool arbeitet mittlerweile auch mit festen Farbwerten, generiert sofort Farbpaletten und Druckdaten. So konnte ich jede Nuance präzise und schnell durchtesten, gleichzeitig archivieren, später darauf zugreifen, Änderungen durchführen, wieder schnell durchtesten usw.
Darauf aufbauend kommt Photoshop ins Spiel:
Mit einem Skript wird geprüft, welche Referenzfarbe im jeweiligen Design auf Level 2 oder 3 angepasst werden muss. Dieser Prozess läuft automatisch für alle 150 Farben durch und erstellt daraus eine neue Datei mit den aktualisierten Farbwerten. So entstehen Druckdaten, die direkt mit der gewünschten Palette übereinstimmen, ohne manuelles Nachjustieren.
Bestelldaten werden durch das Script ebenfalls eingelesen, Photoshop generiert dann basierend darauf die Größen und berücksichtigt die Einstellungen der Druckanlagen und so weiter… und genau jetzt merke ich, dass ich schon wieder in den Technik-Nerd-Modus abdrifte, vielleicht gehe ich bei einem der nächsten Blogartikel genauer darauf ein, da es technisch ein ganz eigenes Abenteuer war :)
Physische Referenzen statt nur hübscher Bilder
Als die finalen Farbpaletten ausgearbeitet waren, war ich noch nicht fertig.
Für die Kommunikation mit Kunden nutze ich öffentlich das RAL System. Es ist verbreitet und die Fächer sind zu fairen Preisen erhältlich. Intern arbeite ich zusätzlich mit weiteren Farbsystemen, damit Experten eine präzise Basis erhalten.
Ein besonders mühevoller und extrem monotoner Akt war der finale Farbabgleich. Ganz ehrlich: Ich habe diese Arbeit oft vor mir hergeschoben, kurz angefangen, ein paar Farben bestimmt und dann wieder abgebrochen, weil man dabei sofort die Lust verliert. Es war endloses Vergleichen, Notieren, Übertragen in Excel. Jeder, der in diesem Bereich schon einmal eine Palette erstellt hat, weiß: Für derartige Paletten werden vielleicht 30, 40, höchstens 100 Farben erfasst, da der Prozess langsam ist und ja, niemand will es machen.
Ich habe das Ganze trotzdem gemacht, da es für mich wichtig war und ich so vor allem im Shop eine weitere Option anbieten konnte, Farben zu kommunizieren. Am Ende waren es 450 referenzierte Farben. Erst nachdem ich fertig war, habe ich leider erfahren, dass die Lizenzkosten für genau dieses Referenzsystem für mich zu hoch ist. Der gesamte Prozess musste mit einer anderen Referenz, in diesem Fall RAL, nochmals wiederholt werden, hurra.
Durchatmen, nicht denken, weitermachen :D
Das Prinzip war simpel, aber ja...:
Man nimmt den Farbfächer, schaut sich eine Farbe am Teppich an, sucht den passendsten Wert im Fächer, notiert sich die Nummer und weiter zur nächsten. Wieder und wieder, Farbe für Farbe. Immer wieder musste ich auch Kompromisse treffen; Nehme ich lieber diesen Wert oder doch den anderen?
Dazu kam die ständige Herausforderung, einen Papierfächer mit einem Teppich zu vergleichen. Je nach Licht, je nach Betrachtungswinkel, sehen die Ergebnisse anders aus, der eine sieht es so, der andere so und entsprechend dauert die Bestimmung einer Farbe nicht nur wenige Sekunden.
Perfekt ist das nie, aber es ist der Industriestandard. Und am Ende zuverlässig genug, weil es Kunden und Experten eine klare Orientierung gibt. Wenn es ganz exakt sein muss, gibt es ohnehin noch die Möglichkeit zusätzlicher Musterandrucke.
Man fragt sich in solchen Momenten, warum man sich das antut, obwohl diese Details nicht oft abfragt werden.
Genau hier liegt aber der Vorteil eines eigenen Shops und wahrscheinlich auch das Resultat meiner Erfahrung. Ich kann Funktionen einführen, die ich mir anderswo immer gewünscht hätte. Also baue ich sie konsequent ein, auch wenn ich mich dabei manchmal verliere. Und am Ende bleibt die Frage, ob all die kleinen Extras wirklich jemand bemerkt, aber egal, lassen kann ichs sowieso nicht. Ist wie ein Jucken, das man nicht loswird :)
Erfahrung trifft Statistik
Man kann sagen, die Palette basiert auf 20 Jahren Erfahrung in der Teppichindustrie, auf meiner täglichen Arbeit mit Teppichdesigns, meinem Wissen über die Maschinen im Hintergrund und anhand statistischer Auswertungen. Welche Farben sind gefragt, welche kaum. Dieses Wissen half, Schwerpunkte richtig zu setzen und die Palette zukunftssicher zu gestalten. Möchten Sie in die Zahlen eintauchen? Ich bereite dazu einen eigenen Beitrag vor.
So nutzen Sie die Palette in der Teppichübersicht
In der Übersicht können Sie alle Designs nach Farben filtern, nicht nur nach Grundfarben, sondern auch nach den einzelnen Tönen der 150er Palette. Zusätzlich können passende RAL-Werte herausgefiltert werden, ein kleines Extra, das besonders für Innenarchitekten, Interior Designer oder all jene interessant ist, die es etwas genauer haben möchten.
In den Übersichtsfotos sehen Sie oben links entweder einen kleinen HD Farbpunkt, wenn die Farben ohne vorherige Definition 1:1 von der Maschine gedruckt werden würden, oder bunte Farbkreise, die exakt den definierten Farben im Design entsprechen. So erkennen Sie auf einen Blick, welche Töne im Teppich enthalten sind. Diese Funktion wirkt unscheinbar, ist technisch jedoch erstaunlich aufwändig und eine weitere kleine Besonderheit im Shop.
Fazit
Farbpaletten sind das Fundament jedes Teppichdesigners. Der Weg für die Artacarpa Paletten war lang, testintensiv und manchmal nervenaufreibend. Herausgekommen sind Paletten, die reproduzierbar auf dem Teppich funktionieren und für Kunden und Profis nachvollziehbar bleiben und vor allem konsistent über viele Designs hinweg sind.
Wollen Sie sehen, wie Ihr Lieblingsraum mit der richtigen Farbe aufblüht? Dann stöbern Sie jetzt passend in unserer Herbstkollektion und filtern Sie nach genau den Motiven, die zu Ihnen passen.





